Auszug aus Cui bono
Der Kapitän hatte sich zu mir herunter gebeugt und sah mich, während er leise zu mir sprach mit seinen durchdringenden schwarzen Augen scharf an. Mir lief ein kalter Schauder über den Rücken und doch, er nahm mich als Mann, er traute mir etwas zu und wartete auf meine Entscheidung. Ich beschloss, mit ihm zu fahren, mich ihm anzuvertrauen. Wie leicht doch meine Wünsche in Erfüllung gingen! Ich schwamm auf einer Welle des Glückes und ohne weiter auf meinen guten Vorsatz, vorsichtiger Mäßigkeit zu achten, trank ich zwei oder drei Becher von diesem feurigen Wein, der wie rotes Gold glänzte, wie Öl die Kehle herabrinnt und hinterher eine selige Wärme verbreitet, die an behagliche dämmernde Kaminstunden erinnert. Ich schlürfte den Nektar und überlegte schon nicht mehr. Ich brauchte nur noch einzuschlagen. Der Kapitän hielt mir die Hand hin. "Schlag ein, Kadett!" Da entstand eine Unruhe im Raum. Ein großer knochiger Kerl mit einem silbernen Ohrring schlug nach einem Mann meines neuen Kapitäns, der sich mit Jean Berbré vorgestellt hatte. Es begann, noch ehe ich in die angebotene Hand hätte einschlagen können, ein wüstes Gerangel, einige Gäste verließen das Lokal, der Wirt zog sich hinter die Tonbank zurück und einige Tische kippen all ihre flüssige Last auf den Boden.
Kurz darauf betraten Soldaten den Saal. Wahrscheinlich hatte einer der geflüchteten Gäste sie alarmiert oder eine Streife war auf den ungewöhnlichen Lärm aufmerksam geworden.
Einer der Uniformierten sah meinen Kapitän in der Menge, rief seinem Nachbarn etwas zu und zog seine Waffe. Mit ihren schweren Säbeln stürmten die Soldaten auf uns zu. Die Kämpfenden stellten sich Ihnen mit Tischen und Stühlen bewaffnet entgegen. Aber die Soldaten hatten es anscheinend nur auf die Männer der Falkin abgesehen. Sie ließen die meisten Männer ungeschoren vorbei und drangen mir großem Geschrei in den hinteren Teil des Raumes.
Hier hatten sich sechs Leute um ihren Kapitän geschart und sich mit irgendwelchen Gegenständen bewaffnet. Als die Soldaten nun herankamen und zudringlich wurden, blitzte ein Schuss auf. Einer der Rotröcke stürzte und die anderen wichen zurück. Jean Berbré ergriff die Waffe des Gestürzten und drang gegen die übrigen vor. Seine Leute rückten nach und auch ich wurde von der allgemeinen Woge ergriffen. Dicht hinter meinem zukünftigen Kapitän sah ich mich mit mutigem Gebrüll ein Stuhlbein als Keule schwingen.
Wir waren in der Minderzahl und doch durch unser Ungestüm ebenbürtig. Als nun einer der Soldaten auf meinen neuen Freund eindrang und ein weiterer mit ausholender Kraft nach ihm schlug, deckte ich ihn mit dem Stuhlbein und konnte verhindern, dass ihm der Schädel gespalten wurde. Dennoch sank er unter der Wucht des Hiebes nieder und schien bewusstlos. Mit Wut und Kraft stürzten sich aber seine Kumpane auf die Angreifer. So bekam ich etwas Luft. Ich schleppte Kapitän Berbré schnell in den Hintergrund, wand ihm mein Halstuch um die stark blutende Wunde und trug und schleifte ihn aus dem Hintereingang des Hauses, ehe der Ansturm uns wieder erreichen konnte. Über einen dunklen Hof und einen engen Gang erreichte ich eine andere Gasse. Ich schleppte meine Last weiter, bog um eine Ecke und zog ihn ein paar Schritte weiter. Ich kannte mich ja überhaupt nicht aus. Wohin sollte ich mich wenden? Schließlich schleppte ich ihn in ein offenes Kirchenportal und legte ihn hinter eine Säule. Er war immer noch bewusstlos. Mit meinem Umhang deckte ich ihn zu und suchte dann nach einem Menschen, der uns helfen konnte. Das Gemurmel von einem der Altäre, vor dem eine Kerze in der Dunkelheit den gekreuzigten Heiland erhellte, leitete mich. Der Priester kniete im Gebet und hatte meine Schritte nicht vernommen.
"Ist denn jetzt Gebet wichtig?" Ich war erbost. Ich war wütend. Dort hinten verblutete mein Freund und hier murmelte einer Gebete. Mitten in der Nacht!
"Bitte, können Sie wohl helfen? Da hinten liegt ein Verletzter". Ich wusste nicht einmal genau, wie man denn einen katholischen Priester ansprechen sollte. Er war auch sofort bereit zu helfen. Er half mir, einen festeren Verband anzulegen und erquickte uns mit einem Schluck Wein.
"Wir sind überfallen worden und man wollte uns berauben." Der Abbé schlug das Zeichen des Kreuzes und führte uns in die Sakristei. Auch hier brannte eine Kerze unter einem Kruzifix, das im Halbdunkel über uns schwebte. Ich sah zu dem Gekreuzigten auf. Im Kerzenlicht schien es, als bewege er das geneigte Haupt, um mich anzusehen, als bewege er seine Arme, um mich zu umarmen.
"Herr, ich stelle mich unter Deinen Schutz!" Das hatte meine Mutter oft gebetet, wenn denn die Umstände bedrohlich erschienen. Jetzt umgab er mich mit einem Hauch von Wärme und Zuversicht. Ich wusste, er hatte geantwortet. Er würde meinem Freund und mir helfen.
"Behalten Sie meinen Freund hier", bat ich, "Ich hole die anderen".
Auf der Straße war es dunkel und still. Erst, als ich zweimal die Richtung geändert hatte, fand ich die Hafenstraße wieder. Vor der Schenke standen fünf Soldaten und berichteten einem Offizier. "Wir haben El Diavolo gesehen und ihn angegriffen. Jean ist erschossen worden. Dann war der Teufel plötzlich verschwunden."
"Wer hat ihn gesehen und erkannt?"
"Ich war es, ich kenne sein Gesicht wieder. Er hatte damals, als ich auf der Princesse fuhr, das Kommando über die "Falkin". Sein Schiff holte uns ein und sie kaperten die Princesse. Ich fiel über Bord, fand eine zerschossene Planke und wurde später von Fischern gerettet. Seitdem kenne ich seine Augen."
Der Leutnant ordnete die Verfolgung an und schickte um Verstärkung.
Ich wusste genug. Man suchte ihn. Augenscheinlich gehörte er zu einem Land, das mit Frankreich im Krieg gewesen war. Jetzt aber war Frieden. War das hier ein Racheakt? Ich suchte meine Kirche wieder auf und vergaß auch nicht, mein Knie zu beugen, als ich eintrat. Wenn das mein Vater gesehen hätte!
Der Abbé hatte meinen Freund inzwischen wieder zu den Lebenden zurückgeholt und segnete uns beim Abschied. Herr Berbré lächelte dabei etwas maliziös und dankte dem Gottesmann für seine Hilfe mit einem Silberstück. Dann verließen wir die Kirche und wandten uns in das Innere der Stadt. Ausholend umgingen wir die Kaianlagen und erreichten ein Boot, in dem schon zwei seiner Leute warteten.
"Harry und Louis sind schon zur "Falkin", berichteten sie uns. Dann senkte der Sprecher den Kopf und flüsterte: " Bull und Max sind nicht mehr dabei."
Mit leisen Ruderschlägen brachten sie uns in die Mitte des Stromes, dessen zügiger Wanderung ins Meer wir uns anschlossen. Die Ebbe lief jetzt voll ab. Nach einer kleinen Weile tauchte aus der Dunkelheit ein Schiff auf. Ein halblauter Ruf, eine leise Antwort, wir stiegen an Bord. Das Boot wurde eingeholt und der Anker gelichtet. Mit dem fallenden Ebbstrom verließen wir in der Dämmerung den Fluss, erreichten die See und nur der sanfte warme Wind, der mild und würzig vom Lande herüber wehte, mahnte an die Vergangenheit. War das mein Traum von Freiheit?
Ich war schließlich an Bord, die Segel blähten sich über mir, das Knarren und Reiben der verschiedenen Hölzer und der Duft des Wassers, der zunächst noch etwas modrig, dann aber immer klarer wurde, ließen mich trunken vor Glück die Augen schließen. Der erste rote Schein glühte hinter uns am Himmel.
"Hallo Doktor!" Anscheinend war ich gemeint. Aber wieso Doktor?
"Hallo, Doktor! Komm den Kapitän verbinden!"
In der dunklen Kajüte zwischen zwei Kanonen und an zwei dicken, roh geglätteten Balken war eine Hängematte ausgespannt. Der Mann, den ich als Monsieur Berbré kennen gelernt hatte und der wahrscheinlich anders hieß, lag erschöpft da. Sein Verband war verrutscht und durchgeblutet. So gut es ging und so schlecht ich es verstand, legte ich aus frisch zerrissenen Tüchern einen zweiten Verband an. Der Anblick des sickernden Blutes und die Bewegungen des Schiffes, das sich auf der alten Dünung wiegte, die Aufregungen und Anstrengungen der letzten Stunden und vielleicht auch der rote Wein wurden mir zuviel. Alles drängte aus mir heraus, würgte und drückte. Ich erreichte gerade noch rechtzeitig das Deck, ehe meine ganze Vergangenheit mich verließ, wie die Lava einen überkochenden Vulkan. Welle über Welle brach hervor und der Schmerz der gequälten Eingeweide, die geben sollten, wo doch schon nichts mehr zu geben blieb, trieb mir die Tränen in die Augen.
Alle meine Angst lag in diesem Erbrechen. Ich hatte viel Angst gehabt. Viel Angst. Ich hatte keinen Pass, fast kein Geld mehr, sah meine Rettung in Monsieur Berbré und musste dann mit ansehen, wie er zusammengeschlagen wurde, zusammengehauen von denen, die in meiner Lage auch meine ärgsten Feinde waren: Soldaten und Gendarmen hatte ich die ganze Zeit wohlweislich gemieden.