Leseprobe zu Vielleicht (Småholmen)
Ich trat zu ihr und ließ ganz heimlich meinen kleinen Finger sich um ihren kleinen Finger schlingen, und so gingen wir schweigend in die tiefstehende Sonne hinein, ohne ein weiteres Wort und doch mit einer tastenden Nähe und einem vorsichtigen, beglückten, scheuen Blick, weil so viel Verständnis ohne Worte, überwältigt und auch bange macht, daß all das doch nur geträumt sein könnte, nur ein Wunschtraum bleiben könnte und sich verflüchtigte, wenn erst einmal ein Wort gesprochen worden wäre.
Ich überlegte, aber das eine Wort, das angemessen erschien, kam nicht über meine Lippen. Vielleicht konnte ich das verarbeiten? Sollte ich versuchen, es aufzuschreiben? Oder wäre es ein Verrat an dieser Stunde?
Wir blieben stehen, wandten uns einander zu und ich beugte mich zu Dir hinab. Du aber streicheltest meine Wange und flüstertest, als ob Du alles wüsstest und verstanden hättest, was ich noch nicht gesprochen hatte:
"Komm, lass uns gehen."
Raue Steine zwangen uns, die Finger zu lösen und uns zu trennen, Du suchtest den Weg durch die wilde Heide und ich folgte Deinen Spuren bis auf die hohe flache Klippe" -
So ähnlich sollte ich es wohl aufschreiben...
"Schau, ist das nicht schön!"
Es war überwältigend. Ich hielt ihr schnell die Hand vor den Mund. "Bitte, nichts sagen!"
Vor uns öffnete sich der Himmel bis in alle Unendlichkeit und auch dort drüben, wo ein paar Wellen an der schroffen Kante einer Schäre empor leckten, blaute es sich bis in jene Weiten, die unfassbar sind. Ich hatte meine Finger vor ihren Mund gehalten und meinen Arm um ihre Schulter gelegt und sie litt es. Ja sie litt es und küsste ganz sanft meine Finger, so daß ich sie einfach dort liegen lassen musste, wo sie waren, um den Traum nicht zu zerstören. Ihre Wärme sprang durch mein Hemd, schauerte über meine Haut und ich hätte mit ihr fliegen können, weit hinaus mit den Möwen, die sich dem Wind verschwisterten und die anscheinend ohne jede Erdenschwere davongetragen wurden.
"Gibt es wirklich keine Sprache, die all das sagen kann, was ich denke?" Sicher wollte sie jetzt keine Antwort von mir. Ihr Herzschlag durchdrang unsere laute Stille wie das Ticken einer Uhr, jeder Moment war kostbar, viel zu kostbar und doch jede Sekunde unwiderruflich dahin. Konnte die Zeit nicht einfach stehen bleiben?
"Warum schreibst Du Geschichten auf, die nicht wahr sind?"
"Weil sich wahre Geschichten nicht schreiben lassen."
Ja, so hatte unser Gespräch begonnen. Und wie waren wir darauf gekommen? Was war vor dieser Seligkeit, die gerade begonnen hatte und die doch schon dauerte, mehr als einen Wimpernschlag dauerte und die andauern sollte, ja, eine Ewigkeit anhalten sollte, wenn es nach mir ging!
"Was denkst Du?"
"Ich versuche mich zu erinnern, was wir dahinten besprochen haben und wie es dazu kam!"
"Muss man immer wissen?" Hatte sie Recht? Musste ich immer wissen?
"Musst Du immer ordnen und nachdenken? Musst Du alles abwägen und dann in Worte fassen?"
Komisch! Ich verstand das als Vorwurf und wollte schon vom männlichen Intellekt, der Logik und den unabdingbaren zwingenden Wegen des Geistes reden, als mir gerade noch rechtzeitig auffiel, daß ihre Frage ganz wertfrei geklungen hatte. Nur ein wenig verwundert vielleicht. Und hatte sie nicht Recht? Zerbrach nicht in diesem Augenblick bereits die Gemeinsamkeit unseres Erlebens wieder und das nur, weil ich in mir nach Worten rang? Sie hatte mit der wachen Seele einer Frau gleich gefühlt, daß etwas geschah, daß etwas störte, daß sich etwas in die heimliche, nicht eingestandene neue Zweisamkeit, dieses zarte, nur verhalten drängende Gefühl einschlich und es gefährdete.
"Warum schreibst Du Geschichten, die nicht wahr sind?"
"Weil das, was geschieht, oft nicht beschreibbar ist. Der große Augenblick oder der Auftritt des Schicksals, wenn Du willst, ist in den meisten Leben so einfach und geschieht so ganz ohne Aufsehen und spektakuläre Dramatik, dass es nur gerade die merken, die es angeht. Oder vielleicht auch nicht einmal merken."Wie sollte ich es ihr erklären? Vorsichtig versuchte ich einen Satz nach dem anderen zu formen, ließ ihn heraus und erwartete ihren Widerspruch.
"Wenn ein Mädchen Dich ansieht, mit weiten glänzenden Augen, wenn Du spürst, daß zwischen Dir und mir eine Geschichte entsteht, gewebt wird, wenn Du plötzlich über die Berührung eines kleinen Fingers laut jubeln könntest, weil Dich eine Woge überläuft, die Du nicht fassen kannst und das Glück Dir zu groß erscheint, als daß Du es überleben könntest, und wenn Du vor Freude schreien könntest, und doch keinen Ton herausbringst und Dich vielleicht auch nicht traust, um nicht aufzuwachen, weil Du dann vom Traum Deines Lebens nichts mehr in den neuen Tag rettetest und nur noch ein Bedauern bliebe, denn Du hättest ja etwas verloren...
Wenn Du spürst, daß es das ganz große Glück ist und daß Dich der Mantel Gottes gestreift hat, so gibt das doch noch keine Geschichte. Höchstens ein halbes Gedicht, weil die andere Hälfte nämlich nicht mehr Gesang und Gefühl, sondern Reflektion und Denken ist, Krampf vielleicht und wenn es hochkommt: Kunst."
Ich geriet durch diese Rechtfertigung ein wenig außer Atem, aber sie wiederholte ihre Frage: "Muss man denn immer etwas schreiben?"
Ich hielt meinen Traum immer noch im Arm, meine Hand lag locker vor ihrem Mund und während ich gesprochen hatte, hatten mich ihre Lippen zart berührt, ganz sanft, fast wie ein wenig nachdenklich, als ob sie meine Haut ertasten wollte, so als ob sie versuchte, mich kennen zu lernen, mich zu schmecken, mich zu atmen.
Der Duft ihrer Haare floss durch die klare Salzluft und am liebsten hätte ich sie auf den Scheitel geküsst. Aber ich hielt es aus, ich hielt einfach still, staunte über die Kraft und Selbstverständlichkeit ihres Seins und wie es heimlich zu mir herüberschwappte, mich überlief, wie die Welle, die von der Flut jetzt in die kleine dunkle Bucht da unten gedrängt wurde und die ihr Fülle und Leben schenkte, ohne sich selbst zu bewahren.
"Du, musst Du denn immer etwas schreiben?"
"Ja! Wenn man sich als Schriftsteller sieht oder gar ein Dichter sein möchte, muss man schreiben. Und man muss so schreiben, dass es einem Verleger oder einem Lektor gefällt."
"Und wenn Du nun mal Pause machtest?"
"Dann habe ich demnächst kein Geld mehr. Es ist schon jetzt nicht so berühmt mit meinen Einkünften."
Ich genoss die Stille, denn wenn sie jetzt gefragt hätte, warum ich denn nichts Ordentliches arbeitete, hätte ich sagen müssen, dass ich mein Leben nun einmal der Kunst geweiht hätte und nun wohl kein vernünftiger, und ich würde wahrscheinlich sagen bürgerlicher Schritt mehr möglich sei.
Weit draußen ging allmählich die Sonne unter und weit im Westen glitzerten die Wogen im Zerstäuben um den Fuß eines einsamen kleinen Leuchtturmes. Die Möwen flogen immer noch hin und her und der allmählich einschlafende Wind zauste leise an diesen Locken hier.
Ich spürte ihren warmen Leib und ihre tastenden Küsse auf meinen Fingern und schob leise meinen zweiten Arm um sie, bis ich sie in beiden Armen bergen konnte. Ich wollte, dieser Augenblick verginge nie!
"Du, mir wird kalt!"
Ich drehte sie sacht herum und sie ließ es geschehen. Ihre kleinen festen Brüste drängten sich an mein Hemd und ihr Köpfchen lag einen Wimpernschlag an meiner Schulter. Ich hätte so stehen bleiben können, bis die Sonne wieder heraufgestiegen wäre.
"Jetzt wird mein Rücken kalt. Komm, lass uns gehen."
Das war es. Der Traum zerstob wie die glitzernde morgenfrische Perle, der du zu nahe gekommen bist und die von ihrem Blatt auf den Boden hinab fällt, weil du ihr Gleichgewicht zwischen Tau und Tag gestört hast. In mir stieg ein schales Gefühl auf, ein wenig wie Ekel, ein wenig wie Entsagung. Mein Gedicht löste sich in Nebel auf, verdunstete, vertrocknete und mein Glück entschwand.