Sievert Karsten Frank

 

Leseprobe zu Die Angeltour

"Du könntest jetzt die zweite Rute nehmen."
Marlies hatte eigentlich keine Lust, sich dem zweifelhaften Vergnügen hinzugeben, aber Jan zuliebe nahm sie die Angel und hob und senkte sie weisungsgemäß in der Hoffnung, dass kein Fisch anbeiße. Es war eine ihr ungewohnte Bewegung und sie ermüdete schnell. Jan hakte deshalb den schweren Pilker aus und gab ihr einen leichteren mit einer kleinen bunten Kugel und einem kleinen Beifang.
Brav hob und senkte sie die Rute, jedoch ohne Erfolg. Die Männer zeigten immer noch einen erheblichen Eifer. So war es ja bei ihnen immer. Immer auf der Suche nach dem Kick. Die Männer waren wohl nur zufrieden, wenn sie auf der Jagd waren. Ganz wesentlich schien es ihnen auch, darüber zu reden. So waren sie schon damals gewesen, als sie noch zur Schule gingen. Immer auf der Jagd. Wenn sie mal mit einem gegangen war, vielleicht ins Kino oder mal in die Disko, dann wussten es seine Freunde sicher am nächsten Tag. Die Jungs waren ja auch nur interessiert, bis man bereit war, auf ihr Werben einzugehen, dachte sie. Wenn man noch mit ihnen tanzte, sahen sie sich schon nach einem neuen Opfer um. Solange man sich zierte und sich spröde verhielt, waren sie bemüht. Eben noch auf der Jagd. Wenn sie glaubten, einen an der Angel zu haben, hörte das schnell auf. Sie wusste nicht, ob die Jungs die Mädchen dann als Trophäe betrachteten und ihr Jagdeifer noch nicht gestillt war, oder ob sie menschliche Beziehungen wie Sport nahmen. Jedenfalls hatte sie damals verschiedentlich mit ihrem alten gelben Teddy geheult, bis der Teddy, das Kopfkissen und sie selbst nass gewesen waren.
Jetzt aber zuckte es heftig an der Angel. Jan hatte es bemerkt und bat: "Zieh ihn sinnig hoch. Immer pumpen und dann senken und die Schnur einrollen. Der Bursche wollte nicht, aber sie ließ sich Zeit und hatte einen schönen Dorsch herausgebracht. "Toll. Das hast Du gut gemacht." Ja, auch die anderen Angler nickten ihr zu und Jan wuchs offensichtlich an dem Lob der anderen. Irgendwie hatte sie immer noch das Gefühl, dass er sie als seinen Besitz betrachtete, sicher in einer anderen Weise, als sein Auto oder sein Haus, das genau genommen ja ihrer beider Haus war, soweit es nicht der Bank gehörte.
Es gelang ihr nicht, den kleinen Stahlfisch weit zu werfen. So ließ sie sich einfach bei geöffnetem Bügel Schnur nehmen und holte nur ab und zu ein klein wenig die Angel hoch. Sie dachte an die Zeit, in der Jan um sie geworben hatte. Er schien wirklich der richtige Ehemann sein zu können. Von so einem hatte sie geträumt. Sie wollte ihn. Genau ihn.
Sie wollte ihn und er bemühte sich damals in einer zärtlichen Weise um sie, voller Feingefühl und Zuvorkommenheit, dass sie bereit gewesen war, sich Schritt für Schritt kleine Freiheiten abringen zu lassen. Sie hatte sich damals nicht bereit erklärt, mit ihm zu schlafen. Ihre Erfahrungen mit den Knaben hatten ein gesundes Misstrauen gesät. Vielleicht war es dumm gewesen, dieses Misstrauen auch auf Jan zu übertragen. Er war so groß und stark und so zuvorkommend. Ein echter Beschützertyp. Dabei durchaus damit einverstanden, dass eine Frau einen Beruf hatte und emanzipiert war. Sozusagen ihren Mann stand. Sie war zu der Zeit technische Zeichnerin gewesen. Doch, doch, das empfand er schon als wirklich respektable Beschäftigung.
Als sie erst miteinander verlobt waren und sie in den Vorbereitungen auf ein gemeinsames Leben in rosaroten Wolken schwebte, hatte sie ihre Zurückhaltung aufgegeben. Es war alles so lieb und so gut.
Der kleine Jan kam dann auch etwas zu früh. Damit hatte sie schon gerechnet, als sie nachgab. Dann hatte sie ihn fest an der Angel.
"Du musst auch mal die Angel einholen." Brav klappte sie den Fang zu und kurbelte die Schnur straff. Kleine Vibrationen zeigten, dass der Metallköder über den Sand rutschte. Sie wickelte die Schnur weiter auf und reinigte dann vorsichtig den kleinen Fisch von Seegras, dass der Haken ausgerissen hatte. "Kraut, nur Kraut." Die Fängigkeit des Platzes ließ nach. Es ertönte wieder die Hupe, alle zogen ein und sie hatte ein wenig Zeit, zu träumen. Es war eine schöne Zeit gewesen mit dem Babybauch und dem kleinen Strampler in sich. Voller Zärtlichkeit dachte sie an die Zeit zurück, in der sie Jan das Wunder seines Kindes tasten lassen konnte. Ja, es war ihre Leistung. Das konnte er nicht, und er erkannte das auch an.
Als das Kind dann geboren war und natürlich ein Junge war, Jans ganzer Stolz, hatten sie erste Zweifel an ihrer Beziehung geplagt. "Das geht vorüber", sagte ihre Mutter. "Im Wochenbett hat man schon mal komische Gedanken."
Der große und der kleine Jan nahmen sie voll in Beschlag. Der große Jan konnte nicht begreifen, dass sie abends müde war und nach nächtlichem Stillen auch morgens oft unausgeschlafen aufgestanden war. Der kleine Jan brauchte sie da schon wieder. Es war eine Zeit, in der sie Jans Zärtlichkeit und das rücksichtsvolle Verhalten aus ihrer Verlobungszeit gerne wieder entdeckt hätte. Aber Jan hatte seinen Beruf und sie war Hausfrau und Mutter. Irgendwie hatte sie diese nur noch dienende Rolle bei ihren Männern übernommen, ohne zu wissen, wann sie denn so ganz in dieses Fahrwasser gerutscht war. Außerdem ging es ja wegen der Stillerei gar nicht anders. Sie war eben die Frau.


Jetzt wurde es Zeit, die Angel wieder auszuwerfen und den Köder zu baden. Marlies kam nicht so recht zum Nachdenken, denn sie hatte in rascher Folge zwei kleinere, aber ausreichend lange Dorsche herausgezogen. Eigentlich hatten sie nun schon mehr Fisch, als sie in den nächsten Tagen essen konnten. So hielt sie auch inne und setzte sich wieder auf die Bank.
Erst, als sie wieder auf der Luvseite waren, ließ sie den Pilker hinab und erlaubte, wie zuvor, der Schnur einfach auszurollen. Es war ihr egal, ob einer anbiss oder nicht. Sie hatte nur ausgeworfen, um Jan die Freude des Erfolgs zu gönnen.
Damals hatte sie den Mangel in ihrer Beziehung stark empfunden. Sie war oft zu müde gewesen, um mit Jan das Fest der Liebe zu feiern, das sie früher mit einander erlebt hatten. Ja, ja, sie ließ es zu, aber er merkte bald, dass ihr gar nicht daran lag. Das frustrierte ihn und sie hatte den Eindruck, dass er auf den kleinen Jan richtig eifersüchtig war. Als sie versucht, den Schaden zu heilen und ihre Gemeinsamkeiten in die frühere Hochform zu heben, meldete sich bald Katarina an. Jan zeigte weit weniger Freude als beim ersten Kind und die vielen Nächte, in denen sie nun wieder regelmäßig geweckt wurde, und die Angst vor einem dritten Kind kühlten ihre Gemeinsamkeiten deutlich ab. Sie glaubte schon lange, dass Jans Gefühle für Gemeinsamkeit in erster Linie durch das Schlafzimmer symbolisiert wurden. Weitere gemeinsame Interessen gab es kaum. Dafür blieb ja auch keine Zeit. Aber vielleicht waren die Männer so und sie hatte sich nur falsche Vorstellungen gemacht.
Manchmal hatte sie den Verdacht, dass Jan wieder auf die Jagd gegangen war. Aber alle Gedanken und Verdächtigungen in dieser Richtung unterdrückte sie. Sie hatte nicht nur die beiden Kinder zu versorgen, sondern auch den großen Jan und er hatte schließlich seinen Beruf und musste wiederum sie alle drei versorgen. Als die Kleine auch in den Kindergarten kam, fing Marlies wieder an zu arbeiten. Halbtags. Der Haushalt wurde nachmittags erledigt und bis in die späten Abendstunden saß sie, flickte, nähte Knöpfe an, bügelte, na ja, was eben so getan werden musste. Jan ging zweimal in der Woche zum Sport. Er hielt sich für seinen Beruf fit. Also das, was unter die Rubrik Arbeit fiel.
Manchmal sehnte sie sich die Zeit seiner Werbung und ihrer Verlobung zurück. Sie hätten jetzt zu wenig Zeit füreinander, fand sie. Die kurzen Gemeinsamkeiten im Bett boten keine Erfüllung mehr. Es hatte sie schon immer gewundert, dass Jan sich wenig aus reiner Zärtlichkeit machte. Es musste immer darauf zulaufen, dass sie miteinander schliefen. Danach war auch nichts mehr. Sie hätte so gerne noch lange in seiner Nähe, ja an seiner Armbeuge gelegen und den Duft seines erhitzten Körpers geatmet.
Wieder hatte sie einen kleinen Ruck in der Angel gespürt. Wohl wieder Kraut. Sie begann die Schnur einzurollen. Ein neuer Ruck zeigte, dass es am Haken lebendig geworden war.
Ja, sie hätte gerne mit einer Freundin darüber gesprochen, aber sie wollte Jan auch vor anderen nicht bloß stellen, und ihre Bettgeschichten gingen ja auch niemanden etwas an.
Es musste ein großer Fisch sein. Er zog jetzt heftiger. Die Rute bog sich durch und Marlies hatte plötzlich beide Hände voll zu tun. Nur Zentimeterweise konnte sie den Fisch heranholen. Dabei wusste sie überhaupt nicht, wie viel Schnur sie vorher hatte auslaufen lassen und ahnte, dass das schwer werden würde. Jan hatte seine Angel eingeholt und war hinter sie getreten. "Soll ich Dir helfen?"
"Nein danke. Ich werde es schon schaffen!"
Sie hatte keine Erfahrung. Einmal oder zweimal war sie mit ihm los gewesen. Aber so einen Drill hatte sie noch nicht erlebt. Marlies stemmte den Griff der Rute gegen ihren Leib und pumpte gegen die Kraft des Fisches. Sie erschrak, als er plötzlich, ein heller Blitz weit drüben vor dem verschwimmenden Horizont, hoch aus dem Wasser schnellte. Die anderen Angler waren aufmerksam geworden. Sie zogen die entfernten Angeln an das Schiff heran, damit sich die Schnüre nicht mit dem kämpfenden Fisch verwickelten.